Tim Ossege (*1984 in Köln) arbeitet seit 2010 unter dem Künstlernamen seiLeise. Der Kölner Künstler bewegt sich an der Schnittstelle von Street Art, Urban Art und konzeptioneller Kunst im öffentlichen Raum. Seine Arbeiten entstehen bewusst außerhalb klassischer Ausstellungsorte und verstehen die Stadt nicht als bloße Kulisse, sondern als aktiven Bestandteil des Werkes. Architektur, Zufall, Witterung und die Menschen, die sich durch den Stadtraum bewegen, werden Teil jeder einzelnen Arbeit.
Den Ursprung seines Schaffens findet seiLeise in der Graffiti-Kultur. Bereits als Jugendlicher setzte er sich mit Schrift, Gestaltung und urbaner Kommunikation auseinander. Nach seiner Ausbildung zum Gestaltungstechnischen Assistenten verlagerte sich sein Schwerpunkt zunehmend von der digitalen Gestaltung in den öffentlichen Raum. Der Wunsch, eigene grafische Arbeiten außerhalb des Computers sichtbar zu machen, führte schließlich zur Street Art.
Dabei interessierte ihn von Beginn an weniger die Wiederholung bestehender Ausdrucksformen als die Suche nach einer eigenen Bildsprache. Bekannt wurde seiLeise zunächst durch seine Reverse-Graffiti-Arbeiten – eine Technik, bei der Motive nicht durch Farbe entstehen, sondern durch das gezielte Entfernen von Schmutz. Während Street Art üblicherweise additiv arbeitet, kehrte seiLeise diesen Prozess um. Mit Sandstrahltechnik, Druckluft und eigens entwickelten Schablonen entstanden großformatige Arbeiten, die ausschließlich aus gereinigten Flächen bestanden.
Reverse Graffiti war für seiLeise nie eine technische Spielerei. Vielmehr eröffnete die Methode einen neuen Blick auf den öffentlichen Raum. Das Bild entstand nicht durch das Hinzufügen neuer Materialien, sondern durch das Sichtbarmachen bereits vorhandener Oberflächen. Diese Reduktion prägt sein künstlerisches Denken bis heute.
„Grafiken mache ich eigentlich schon seit vielen Jahren. Aber damit war ich immer im Computer gefangen. Irgendwann wollte ich diese Grafiken in den öffentlichen Raum bringen.“ Obwohl Reverse Graffiti seine Bekanntheit begründete, verstand der Künstler diese Technik nie als Endpunkt seiner Entwicklung. Vielmehr folgt seine Arbeit bis heute dem Anspruch, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln und gestalterische Grenzen zu überschreiten.
Ab 2015 verlagerte sich sein Schwerpunkt zunehmend auf mehrschichtige Stencil-Arbeiten und Paste-ups. Die Werke entstehen zunächst im Atelier und werden anschließend gezielt im Stadtraum installiert. Dort entfalten sie ihre eigentliche Wirkung. Der öffentliche Raum wird zur Ausstellungsfläche, aber ebenso zum inhaltlichen Mitspieler. Fassaden, Mauern und urbane Strukturen ergänzen die Bildsprache und verleihen jeder Installation ihren individuellen Charakter.
Thematisch beschäftigen sich seine Arbeiten mit gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, sozialen Ungleichheiten, Umweltfragen sowie Fragen von Freiheit, Identität und Verantwortung. Auffällig ist dabei die häufige Verwendung kindlicher Figuren. Sie dienen nicht der Verniedlichung, sondern eröffnen einen Perspektivwechsel und ermöglichen einen emotionalen Zugang zu komplexen Themen. Die Arbeiten formulieren bewusst keine eindeutigen Antworten. Vielmehr versteht seiLeise Kunst als Einladung zum Dialog und zur eigenen Interpretation.
„Ideologisch treibt mich der Wille an, den öffentlichen Raum mitzugestalten, das etablierte Grau der Stadt nicht akzeptieren zu müssen, Kultur zugänglich zu machen und nicht allein der Werbung die Farbgestaltung des urbanen Raumes zu überlassen.“
Ein zentrales Element seiner Arbeit ist die Vergänglichkeit. Anders als Werke im White Cube unterliegen Street-Art-Arbeiten permanenten Veränderungen. Wind und Wetter, Abriss, Überklebungen, Vandalismus oder städtebauliche Entwicklungen gehören zum natürlichen Lebenszyklus der Arbeiten. Diese Vergänglichkeit wird von seiLeise nicht als Verlust verstanden, sondern als wesentlicher Bestandteil seines künstlerischen Konzepts.
Während viele Werke bewusst temporär bleiben, gewinnt ihre Dokumentation zunehmend an Bedeutung. Aus diesem Gedanken entwickelte sich 2020 während des Corona-Lockdowns die Bildersuche – ein partizipatives Kunstprojekt, das den Stadtraum selbst zur Ausstellung macht. Anstatt exakte Standorte seiner Arbeiten zu veröffentlichen, erhalten Besucher lediglich Hinweise und werden eingeladen, die Werke eigenständig zu entdecken. Die Suche wird selbst Teil des Kunstwerks.
Was zunächst als Experiment in Köln begann, entwickelte sich zu einem der bekanntesten Street-Art-Vermittlungsprojekte Deutschlands. Hunderttausende Menschen nutzen seither die digitalen Karten, um Städte neu zu entdecken. Inzwischen existieren Bildersuchen in mehreren Städten, darunter Köln, Hamburg, Bonn, Paris und Ratingen-Lintorf. Das Projekt verbindet analoge Kunst mit digitaler Orientierung und macht den Weg zum Werk ebenso wichtig wie das Werk selbst.
Mit der Entwicklung der seiLeise.app führte der Künstler diesen Gedanken konsequent weiter. Die webbasierte Anwendung ermöglicht es Besucherinnen und Besuchern, Street-Art-Arbeiten zu dokumentieren, Erstfunde zu registrieren, den Zustand von Werken gemeinschaftlich zu erfassen und sich in Ranglisten miteinander zu messen. Die App versteht sich dabei nicht als Selbstzweck, sondern als Erweiterung des öffentlichen Kunstprojekts und als Werkzeug, um Vergänglichkeit sichtbar zu machen und gleichzeitig eine aktive Community einzubinden.
Parallel zu seinen Arbeiten im Stadtraum gewann auch die Ausstellungstätigkeit zunehmend an Bedeutung. Seine Werke wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert. Seine Arbeiten entstehen regelmäßig in Deutschland sowie in verschiedenen europäischen Städten, insbesondere in Paris, wo ein kontinuierlich wachsendes Werk im öffentlichen Raum entstanden ist.
Charakteristisch für sein Schaffen ist die bewusste Verbindung zweier scheinbar gegensätzlicher Welten. Einerseits entstehen freie Arbeiten im öffentlichen Raum, unabhängig von institutionellen Vorgaben und wirtschaftlichen Interessen. Andererseits werden ausgewählte Werke als Editionen, Atelierarbeiten und Ausstellungen langfristig bewahrt. Beide Bereiche versteht seiLeise nicht als Gegensatz, sondern als gegenseitige Voraussetzung: Die Straße bleibt Labor und Ursprung seiner Ideen, während Ausstellungen deren langfristige Sichtbarkeit ermöglichen.
Die Inspiration für diese kontinuierliche Weiterentwicklung beschreibt der Künstler selbst mit einem Zitat von Keith Haring, das ihn seit seiner Jugend begleitet:
„Nothing is as refreshing as a bold step beyond the boundaries. “
Dieser Gedanke prägt bis heute sein künstlerisches Selbstverständnis. Jede neue Technik, jedes Projekt und jede Intervention versteht seiLeise als Einladung, vertraute Grenzen zu hinterfragen und den öffentlichen Raum immer wieder neu zu denken.